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Europa-Ticker: Flechten als kurzfristiger Schadstoff-Bioindikator ungeeignet |
Bau der Müllverbrennungsanlage in Korbach weiter in der Kritik
In der Region Korbach wurden häufige Inversionswetterlagen registriert, wurde von
der Landesregierung kürzlich bestätigt, führt Klaus Koch vom Hamburger Büro für
Umweltfragen an und fordert eine Vorbelastungsuntersuchung in Korbach zum Bau
des Müllheizkraftwerks. Die Politiker Korbachs fordern jedoch statt einer
Vorbelastungsuntersuchung eine kurzfristige Messung, deren Ergebnisse noch vor
der für dieses Jahr geplanten Inbetriebnahme des MVA-
Ersatzbrennstoffheizkraftwerkes Korbach vorliegen sollen. Der Regierungspräsident
in Kassel hatte am 12. Juli des vergangenen Jahres den Bau der Anlage genehmigt.
Die Bürgerinitiative für ein lebenswertes Korbach befürchtet nach der
Inbetriebnahme des Müllverbrennungswerkes neben den Belastungen aus dem
Conti Reifenwerk weitere Beeinträchtigungen der Lebensqualität.
„Die jüngst bekannt gewordene Studie zur meteorologischen Situation in Korbach beweist
einmal mehr, dass die Genehmigung für den Bau der Müllverbrennungsanlage in Korbach
widerrufen werden muss", fordert der Korbacher Grünen-Fraktionschef Daniel May. Das
Gutachten zeige, dass in Korbach und Umgebung sehr häufig eine Inversionswetterlage
herrsche, die einen Abzug von Abgasen verhindere.
Flechten und Moose stellen einen möglichen Bioindikator von Umweltbelastungen dar.
Gegen die Einbeziehung von Bioindikatoren als Ersatz einer geforderten
Vorbelastungsuntersuchung in Korbach spricht nach Auffassung des Hamburger
Umweltberatungsbüros Umweltnetzwerk jedoch folgende Tatsachen: In der Region
Korbach wurden nachweislich häufige Inversionswetterlagen registriert, die einen
verringerten Luftaustausch zur Folge haben. Dies wurde von der Landesregierung
kürzlich bestätigt. Bei diesen Wetterlagen reichern sich Schadstoffe vom Verkehr,
Industrie bis zum Hausbrand vermehrt in dieser Region an.
Ebenfalls muss berücksichtigt werden, dass über den Luftpfad Feinstäube als
Hintergrundbelastungen in Deutschland bereits erhöht und ubiquitär vorhanden sind. Die
Ergebnisse von Messungen über Bioindikatoren sind durch Streueinflüsse von weiteren
Schadstoffen gegenüber den Belastungen aus der geplanten Abfallverbrennungsanlage
ebenso wenig abgrenzbar, wie die seit 100 Jahren am Standort erfolgte Produktion der
Fa. Continental. Sie sind somit ungeeignet. Dieser Auffassung hat sich ebenfalls das
Landesumweltamt in NRW angeschlossen, das nach mehreren Jahren
Universitätserforschung die Verwendung von Flechten und Moosen als
Schadstoffnachweis bei Inbetriebnahme von Industrie-und Feuerungsanlagen für
ungeeignet erklärte.
Zudem kommt die Flechten-Professorin Windisch selber zur bereits bei seriösen
Wissenschaftlern bekannten Erkenntnis, das die Bioindikatoren eine langfristige
Erfassung von mehreren Jahren voraussetzen, um Umweltbelastungen überhaupt
aufzeigen zu können. Selbst dann sind die Ergebnisse nicht gerichtsverwertbar, nutzen
somit eher dem schlechten Gewissen willfähiger Politiker aus Korbach, als dem Nachweis
von Umweltbelastungen.
Die Politiker Korbachs fordern jedoch statt einer Vorbelastungsuntersuchung eine
kurzfristige Messung, deren Ergebnisse noch vor der für dieses Jahr geplanten
Inbetriebnahme des MVA-Ersatzbrennstoffheizkraftwerkes Korbach vorliegen sollen.
Diese nicht nachvollziehbaren Widersprüche kann nur die unzureichende und zugunsten
der Abfallverbrennung zustimmende Politik in Korbach aufklären. Gefragt ist stattdessen
eine Vorbelastungsuntersuchung, wie sie nach Qualitätskriterien und den Ansprüchen
auch von der Gesundheitsbehörde des Landes Hessen amtlich anerkannt und
aussagekräftig sind, die Schadstoffe zu erfassen, die durch 100 Jahre industrieller und
umweltschädigender Reifenproduktion von Continental, u.a. bei Einsatz von chlorierten
Kohlenwasserstoffen unweigerlich zu Lasten der Bevölkerung der Region Korbachs sowie
seiner Trinkwassergewinnung gingen.
Das Hamburger Umweltnetzwerk war im Rahmen des Genehmigungsverfahrens zur MVA
Korbach für das Aktionsbündnis und für die „Bürgerinitiative für ein lebenswertes Korbach
e.V.“ mehrfach als Gutachter und Sachbeistand tätig.
Quelle/Autor: Klaus Koch / Umweltnetzwerk -Büro für Umweltfragen, 21029 Hamburg, Wetteringe 8
erschienen am: 2008-02-04

